Reportage
„Können stolz sein, dass wir so ein Haus haben“
Ein Besuch im Seniorenzentrum Bühlertal
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Xenia Koch greift eine weiße Kiste, in der sich kleine gelbe Plastikbecher befinden. Sie sind gefüllt mit Tabletten in verschiedenen Farben und Formen. Ein letzter prüfender Blick, und die Pflegefachkraft läuft vom „Schwesternzimmer“ in den angrenzenden Aufenthaltsraum. Dort warten bereits die rund zwanzig Bewohnerinnen und Bewohner der „Wohneinheit 1“ des Seniorenheims Bühlertal, in dem die 36-Jährige tätig ist. Beim Blick aus dem Fenster des Altenpflegeheims im Herzen des Untertals bietet sich ein Panorama aus Weinbergen, die das Bild der 8000-Einwohner-Gemeinde prägen und die durch die Sonne an diesem Morgen in sattem Grün erstrahlen. Die stationäre Pflege der Einrichtung, die in kommunaler Trägerschaft liegt, zählt 44 Bewohnerinnen und Bewohner. 31 von ihnen kommen aus Bühlertal. Viele kennen sich noch ‚von damals‘ – aus der Nachbarschaft, von der Schulbank, von der Arbeit oder einfach von Begegnungen im Tal. Alles sehr familiär. Auch ein ambulanter Pflegedienst und über zwanzig Plätze für betreutes Wohnen gehören zum Angebot des Seniorenzentrums, das seit 1996 fester Bestandteil der Gemeinde Bühlertal ist.
Gemeinsam in den Tag starten
Xenias Frühschicht läuft seit über zwei Stunden. Die Zeiger stehen auf halb neun. Zeit für ein leckeres Frühstück, damit die Heimbewohnerinnen und -bewohner gestärkt in den Tag starten können. „Guten Morgen! Na gut geschlafen?“, fragt Xenia mit herzlicher Stimme und einem Lächeln in die Runde. Auf den Tellern, die auf dem österlich dekorierten Tisch stehen, liegen mit Butter und Marmelade bestrichene Brote. Mal mundgerecht geschnitten, mal am Stück. Dazu wird eine Tasse Kaffee oder Tee gereicht. Von der Decke hängen selbst gebastelte Hasen und schlüpfende Küken aus bunter Pappe. Akribisch ausgeschnitten, liebevoll verziert. Während Pflegefachkraft Xenia Koch die Medikamente verteilt, läuft im Fernsehen das „Morgenmagazin“. Zuerst Frau Kehl, dann Herr Linde. Alles routiniert. Jede Bewohnerin, jeder Bewohner soll selbstverständlich versorgt werden. Mit Schwung gibt Xenia das nächste Becherchen aus. „Jetzt tanzt sie wieder die Tablette“, scherzt sie. Danach bekommt Herr Fries seine Augentropfen. „Was macht der Kreislauf?“, erkundigt sich Xenia, während sie ihre Hand auf seine Schultern legt. Fortgesetzt wird die morgendliche Runde in „Wohneinheit 2“. „Ich habe noch Ihren Inhalator, Herr Brunner“. Einmal tief eingeatmet und geschafft. „Ich komme zu Ihnen, Frau Stein“, ruft Xenia, die einen lilafarbenen Kittel trägt und ihre Haare zu einem Zopf gebunden hat. Ihre stetige Begleiterin: Die Leidenschaft für ihren Beruf, den sie seit zwanzig Jahren mit viel Empathie ausübt. Seit Kurzem im hiesigen Seniorenzentrum, wo sie an diesem Dienstagvormittag von sechs Pflegehilfskräften unterstützt wird. Alle gemeinsam sind sie als „Seelendoktoren“, „Ansprechpartner“ und „Hausmeister“ 365 Tage im Jahr für die Ältesten in der Gesellschaft da, um ihnen so gut es geht einen würdevollen Lebensabend zu bereiten.
Wieder zurück im Aufenthaltsraum findet um neun Uhr die „Zeitungsrunde“ mit Alltagsbegleiterin Grit Julius statt. Laut und deutlich wird dem aufmerksamen Publikum eine Auswahl an Artikeln zu verschiedenen Themen aus der Region vorgelesen. „Mit Taschenlampe nachts durchs Museum“, lautet die erste Überschrift. Fragezeichen am Tisch. Das können sich die Zuhörerinnen und Zuhörer gar nicht so richtig vorstellen, aber Alltagsbegleiterin Julius erklärt geduldig, was es damit auf sich hat. Und nun zum Wetter. Gute Aussichten. Sonnenschein.
Mit Zuckerguss und bunten Streuseln durch den Vormittag
Im Haus wohnt auch Klara Eberle, die gerne übers Leben redet. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl im „Kräutergarten“-Raum, in dem derweil in der Gruppe Plätzchen für das anstehende Osterfest gebacken werden. Ein süßer Duft liegt in der Luft. Das gemeinsame Backen ist eine von vielen Gruppenaktivitäten, die wöchentlich angeboten werden – um fit zu bleiben, den Geist wach zu halten, kreativ zu sein, Erinnerungen zu wecken, gemeinsam Spaß zu haben und unter Leuten zu sein. Die Gemeinschaft steht an erster Stelle. Sorgfältig tunkt Eberle einen Backpinsel mit gelben Silikon-Borsten in eine klebrige Puderzuckermasse. Damit bestreicht die 95-Jährige die Butterplätzchen in Form von Hasen, Ostereiern und Enten, die sie dann mit bunten Zuckerstreuseln verziert. Das Ergebnis wird gleich verkostet. Frau Eberle scheint es zu schmecken. Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben: „Das ist Zeitvertreib“. Als Schneiderin habe sie zu Hause gerne mit den Händen gearbeitet, erzählt sie später auf ihrem Zimmer – vierundzwanzig Quadratmeter groß, lichtdurchflutet, renoviert mit Balkon und barrierefreiem Bad. An der Wand hängen Fotos und Erinnerungen an ihre Familie.
Ein selbstbestimmtes Leben inmitten der Gemeinschaft
Denn der Umzug ins Pflegeheim hält Eberle nicht davon ab, ihr Leben so weiterzuleben, wie bisher. Selbstständig und selbstbestimmt, soweit es geht. Schließlich war es ihr eigener Wunsch. „Ich habe daheim nicht mehr alles machen können“. Das Motto der lebensfrohen Seniorin lautet: „Nicht hängen lassen. Das Leben geht weiter“. Für sie persönlich ist das Seniorenzentrum Bühlertal der richtige Ort, um ihren Lebensabend zu verbringen. Sie schätzt die Gemeinschaft, fühlt sich geborgen, ist froh, wie man sich hier um sie kümmert: „Zuhause habe ich den Umgang nicht so gehabt. Hier ist jeden Tag etwas los“. Mittlerweile ist es kurz vor zwölf. Mittagessen. Mit dem Rollstuhl fährt Frau Eberle gemächlich in Richtung Aufenthaltsraum. Auf dem Speiseplan steht an diesem Dienstag Tomatensuppe zur Vorspeise. Als Hauptgericht werden Kartoffeln, Spinat und Eier-Omelett serviert, zum Nachtisch gibt es einen frischen Naturjoghurt. „Was will man noch mehr?“, zeigt sich die Seniorin zufrieden. „Wir Bühlertäler können stolz sein, dass wir so ein Haus haben.“
„Nie ein Tag gleich“
Es wird still in „Wohneinheit 2“. Zum Ende ihrer Schicht durchquert Xenia noch einmal den Aufenthaltsraum. Gläser und Teller sind abgeräumt. Die ersten Vorbereitungen für die Kaffeezeit werden getroffen. Das leise Summen des Radios leitet die Mittagsruhe ein. „Bei uns ist nie ein Tag gleich“, sagt Xenia – und genau das macht für sie die Arbeit in der Pflege so besonders. Jeder Tag bringt neue Gespräche, kleine Begegnungen und wertschätzende Momente mit all den Menschen, die im Seniorenzentrum Bühlertal ein neues Zuhause gefunden haben. Für Xenia und ihre Kolleginnen und Kollegen ist es der Ort, an dem sie mit Herz und Hingabe pflegen, ein offenes Ohr haben, unterstützen, begleiten, ermutigen. Und das jeden Tag aufs Neue.